Streifzüge

Unter Beobachtung am Lietzensee

26.10.15 Man steht am Ufer eines kleinen Berliner (Grossstadt! Weltstadt!) Sees und schaut sich die Spiegelung von Gebäuden im grünen Algenschleier des sanft bewegten Wassers an, schon nach wenigen Minuten drängt sich ein Hinkeweib direkt neben einen in die Zone der Tuchfühlung, knallt die Krücke ans Geländer und macht ein Foto. Links und rechts ist das Seeufer leer und frei. Vielleicht glaubt sie, da wo einer so ausgiebig draufschaut, muss auch ein Motiv sein? Man zieht sich ein paar Meter zurück und verharrt wieder, schaut sich die Struktur und Farbgebung herbstlicher Schilfgrasblätter an, die kreisrund angeordnet ein ideales Nest abgeben könnten, wäre der Boden nicht so nass. Kaum hat man die Form erkannt, verlangsamen sich im Kies knirschende Schritte, Stille, dann ruft eine Männerstimme von hinten: „Liegt da was?“ Da liegt jede Menge, Gräser, Halme, auch Moos und der Strunk der Schilfpflanze ist zu erkennen, aber wahrscheinlich geht es dem Fragenden um höhere Lebensformen und man bleibt lieber stumm, um ihn nicht zu enttäuschen. Es gibt ja auch viele Menschen, die bei Unfällen auf der Autobahn extra anhalten: „Liegt da was?“ und wenn da nichts Totes herumliegt, sind sie beleidigt. Offenbar können die Menschen es nicht ertragen, wenn jemand in Betrachtung versunken ist, anstatt einer sinnreichen Tätigkeit nachzugehen. Leute zappeln keuchend durch den Park, keiner ruft: „Sucht ihr was?“ Eine Frau in einer lila Daunenglocke stakt vorbei, die dünnen Ärmchen stochern durch die Luft, als führten sie Wanderstäbe, aber, man staunt, da ist nichts! Die Hände sind leer und trotzdem gibt sie ganz ernsthaft die Pantomime von Gehstöcken – warum ruft keiner: „Fehlt Ihnen was?“ Tierbesitzer plärren unsinnige Kommandos, kratzen den Kot ihrer Anwesenheitsalibis in Plastiktüten, was sie gelegentlich vor lauter Erzieherei vergessen und mancher Parkbesucher fragt sich später: „Riecht da was?“
Soviele Fragwürdigkeiten um uns herum. Ausgerechnet derjenige, der bloss dasteht und sich etwas anschaut, macht die Leute nervös.

24.8.15

Kabarett Silbermöwe als Kreuzfahrt des kleinen Mannes

Die Auftritte in der Silbermöwe in diesem Sommer 2015 waren eine Wohltat. Auch für den Vortragenden. Man hat das Meer im Gesicht, das ja bis an die Schaufenster heranrollt. Das beruhigt, man fällt in eine leichte Trance, der Auftritt wird umso authentischer, je länger man in die Wogen schaut. Keine Welle gleicht der anderen. Das Meer ist wie ein Lagerfeuer, die Flammen sind ja auch immer verschieden. Die Menschen sitzen in den Sesseln in der Kapitänslounge und haben den Eindruck, als reisten sie auf einem Kreuzfahrtschiff, dessen geheimnisvolle Technologie die Schwankungen des Meeres ausgleicht. Da bleibt das Bier im Glas, das Essen im Bauch und das Hemd kaffeefleckenfrei. Die Krankenkasse wird unsere Vorführungen sponsern, als Kreuzfahrt für Menschen, die leicht seekrank werden.
Der Besuch einer Veranstaltung in unserer Silbermöwe ist die Kreuzfahrt des kleinen Mannes. Man braucht keine Eintrittskarte, sondern eine ärztliche Überweisung. Die stellt unser Schiffsarzt gerne aus, gegen eine kleine Praxisgebühr. Wir kommen auf jeden Fall immer wieder sicher zurück, die Piratengefahr ist gering. Von den Flüchtlingswellen bekommt man bislang noch wenig mit, die letzte Flüchtlingswelle kam vor vierzig Jahren aus Richtung DDR und bestand aus einem einzigen Mann auf einer Luftmatratze.

 

15.7.15

Hügelgrab oder Eisbunker im Kornfeld

Ein Hügel im Kornfeld, bestanden von alten Bäumen und Gebüsch. Im Nordosten Süssau, gleich südöstlich Siggeneben, weiter südlich Grube. Sieht aus wie ein Hügelgrab: „Kalt sei Herz, Hand und Gebein / kaltes Grab unter‘m Stein“…usw. (Herr der Ringe, Hörspielfassung, SWF 1991/92). Auf Wagenspuren durch den dichten Weizen zum Berg im Feld hingearbeitet. Auf dem Hügel ein trichterförmiges Loch, zwei bis drei Meter tief, Durchmesser oben knapp zwei Meter, die Wand gemauert mit Flusssteinen, Wackersteinen, ein großer quadratischer Block schliesst oben den Mauerring ab, in nächster Richtung zur Ostsee. Der soll den Insassen wohl den Weg versperren, die wollen nachts raus und auf dem kürzesten Weg zum Meer, um nach ihren Booten Ausschau zu halten. Ob hier ein Wikingerhäuptling bestattet worden war? Wenn, dann nur im Stehen. Oder im Hocken. Wurden mehrere Ehrenbürger hier bestattet, erfolgreiche Totschläger? Die engsten Speerträger, die obersten Mitglieder der Mannschaft des Beutebootes? Da hocken sie im Tod auf engstem Raum, wie im Leben. Das Kauern im Boot, dicht gedrängt mit den Kampfgenossen über  Wochen und Monate kann nur ertragen werden, wenn es als Auszeichnung empfunden wird. Umso schrecklicher dann der Eindruck auf die Opfer, wenn die stinkende Horde aus ihrem Kokon schlüpft und brüllend heranstürmt. Die Enge im Boot, die Enge im Grab wirkt beruhigend, wie früher Wickelkinder beruhigt einschlafen konnten, weil Arme und Leib komplett eingewickelt waren, nicht nur wie heute mit Windel und Strampelhöschen. Erinnerung an die Embryonalzeit? Die Kaperfahrer waren an den Gestank gewöhnt, ein Vorteil für die ewige Kaperfahrt in der Grube. In den Jurten und Höhlen der Weiber und Kinder auf dem Festland ging es genauso zu, verlauste Enge als Schutz gegen den Kältetod. Klar, dass bei solchen Voraussetzungen der Genuss an nordischen Lebensmittelspezialitäten wie dem Gammelhai entwickelt werden konnte. Solche haushohen Hügel konnten nur in jahrelanger Bauzeit angelegt werden, das muss ein Räuber und -diebsvolk gewesen sein, kein Bauer hat Zeit für derartige Baumassnahmen. Da wird vorher Gold und Silber herangeschafft, als Grundlage, vielleicht war der Hügel eine Wikinger-Bank und das Loch im Hügel der Tresor? Ortsansässige Bauern klären auf: das sei ein Eisloch gewesen. Eis im Winter horten, gut abdecken, der Vorrat reicht zur Beschickung der Eistruhen bis weit in den Sommer hinein. Die Bäume spenden Schatten, wie die Kastanien für die Bierfässer im Keller unter einem Münchner Biergarten. Geniale Idee, zugegeben. Aber vielleicht war es ja noch früher doch ein Grab.