Kurzgeschichte: Die Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Novelle

12.9.17 Einer hockt im Haushalt gefangen, wird von Kindern und Frau drangsaliert und muss sich an Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern stundenlang verdrücken, damit er niemandem auf die Nerven geht. Immer wieder wird er nachts zu Verhören geschleppt, das sind die kleinen Zwillinge, die noch nicht durchschlafen und die etwas älteren Geschwister, die vorgelesen haben wollen. Ja, wenn sie wenigstens nicht andauernd dazwischen fragen und in jedes noch so unwichtige Detail dringen wollten! Er muss jene auf den Arm nehmen, diese trockenlegen, halb im Tran, schwindlig vor Schlafentzug, doch er reisst sich zusammen. Tut, als mache er freiwillig mit, gibt sich loyal, beruhigt die Zwillinge, wickelt, windelt und reicht Babyflaschen, auch wenn er kaum noch auf den Beinen stehen kann. Das können die Zwillinge selber auch noch nicht, schwacher Trost. So geht das tagaus-tagein, er ist nur noch ein Schatten seiner selbst, als…als er im Kinderzimmer der grösseren Tochter ein Mensch-ärgere-dich-nicht Spiel entdeckt, die Figuren stehen auf dem Brett, manche sind bereits am Ziel, andere sind noch unterwegs. Er merkt sich die Positionen, um am nächsten Tag zu sehen, wie die Tochter das Spiel weitergeführt hat. Doch am nächsten Abend ist das Spiel aufgeräumt, er muss tagelang warten, bis er wieder am Abend im Zimmer der älteren Tochter das Spiel entdeckt, auch diesmal stehen noch Figuren auf dem Brett, aber in völlig anderer Konstellation. Wieder sind einige Steine im Ziel, andere stehen noch draussen auf dem Spielfeld und er ahnt bereits die seelischen Nöte der Spieler, die ihre Figuren durch ungünstig gefallene Würfel beim nahen Ziel geworfen sahen und zurück an den Anfang mussten. Die Enttäuschung und Frustration drang bereits tagsüber als Schreien und Heulen aus dem Kinderzimmer, es waren offenbar Spielkameraden da und schon nach einigen Wochen erkennt er an den Figuren, wer da zu Besuch war. Die Spielweise deutet auf die Persönlichkeiten der Kinder, Johanna oder Patrick lassen die meisten Steine zurück, versuchen, einzelne Figuren so weit wie möglich zum Ziel hin zu bewegen, Gerhard und Simone hingegen schieben immer ganze Trupps vor sich her. Der Frühentwickler Gerald wirft Würfel samt Figuren den Mitspielern an die Köpfe, das ärgert die andern Menschen. Dem Vater geht die Genialität der jeweiligen Spieler auf, die ihre Handschrift im Führen der Steine erkennen lässt. Als er eines Abends im Dezember ein zweites Spielbrett findet, bereit, als Weihnachtsgeschenk verpackt zu werden, nimmt er es heimlich an sich, zerschneidet die Schnüre und das Packpapier, spült die Reste in der Toilette hinunter. Das Fehlen des Geschenkes wird zwar bemerkt, aber niemand schenkt der älteren Tochter Glauben, vielmehr nimmt die Familie an, sie hätte das Päckchen auf dem Schulweg irgendwo liegengelassen. Nach wenigen Tagen glaubt die Tochter selber daran, das Exemplar gerät in Vergessenheit. Aber nachts, wenn der Vater die Zwillinge in den Schlaf gewickelt hat, da zieht er die Pappschachtel unter dem Klappsofa hervor, wo er übernachten muss, seit es in der Ehe begonnen hat, zu kriseln. Er hat sich Figuren und Würfel selber geformt aus weichgekautem Brot, der Würfel fällt öfter auf die Fünf als auf die Zwei, aber das stört den nächtlichen Spieler nicht. Er würfelt wie besessen die ganze Nacht hindurch, schiebt seine Figuren und manchmal vor steigt aus lauter Frust ein dünner Aufschrei zur Zimmerdecke empor, klagend und hohl, ähnlich wie bei Dr.Lecter, wenn er in Trance an Mischa denkt, und dann zucken die Kinder im Schlaf, aber schon reisst sich der Vater zusammen, beisst bloss der ein oder anderen Figur den Kopf ab, aber es ist ja nur Brot.
Der Nervenzusammenbruch ist nur eine Frage der Zeit und kurz nach Neujahr bricht er zusammen, zusammen mit den Nerven, kann noch mit letzter Kraft alle Figuren vernichten durch hastiges Runterschlucken und fällt dann ins Koma. Die Zwillinge plärren die halbe Nacht, ehe sie durchnässt und fiebrig in den Schlaf der Entkräftung sinken, aus dem sie am nächsten Morgen die Mutter erschrocken befreit. Der Vater wird zur Schnecke gemacht, vor lauter Gezeter bekommt er einen Tinnitus, muss mit Blaulicht in die Universitätsklinik gebracht werden, er wird ins Sauerstoffzelt gepackt, wo ihm Infusionen angelegt werden. Allmählich bekommt er wieder Farbe und nach einigen Wochen darf er schon auf den Gang, ein paar Schritte gehen. Wie er eines Morgens mit seinem Infusionsgestell den Flur entlangtapert, hört er aus der Cafeteria ein vertrautes Klappern, ein klackendes Rollen, das überwunden geglaubte Ängste in ihm wieder hochkommen lässt. Es wird an einem Tisch Mensch-ärgere-dich-nicht gespielt, eine grosse Gruppe von Zuschauern umringt die würfelnden Kontrahenten, die jauchzend oder jammernd die Ergebnisse der Würfe kommentieren. Wie versehentlich erhascht er einen Blick auf das Brett, sieht, wie der Würfel mit der drei zu liegen kommt und wie der rote Spieler eine Figur drei Felder dem Ziel näher rückt. „Aber nicht doch!“ zischt er, bleich geworden, aus schmalen Lippen. „Zu früh, zu weit!“ Und tatsächlich, schon kann der Gegner den Roten werfen und wer jetzt noch nicht auf den seltsamen Gast aufmerksam geworden ist, merkt spätestens beim nächsten Würfelfall, was da für ein Genie am Tisch steht. Kaum will Grün seine geworfene Fünf mit dem hintersten Stein in Wegpunkte ummünzen, stöhnt der seltsame Fremde laut auf, um sich gleich darauf selbst zum Schweigen zu bringen indem er die Faust in den Mund presst, in den Eigenen, und als der Blaue tatsächlich den Grünen wegfegt, wenden sich ihm alle Blicke zu. Er ist erkannt worden als einer, der dieses Spiel wohl besser beherrscht, als es die meisten Menschen dieser Welt jemals können. Man fordert ihn freundlich, aber bestimmt auf, sich dazu zu setzen, immerhin sind die gelben Felder noch frei. Er wehrt vergebens ab, man nötigt ihn wohlwollend auf den Stuhl, zögernd greift er zum Würfel, irgendwann fällt die Sechs, sein Start glückt und jetzt führt er einen Stein nach dem andern in unglaublichem Tempo ins Ziel, die Spielgefährten wissen nicht, wie ihnen geschieht, schon ist er fertig. Danke, das wars, er will sich verabschieden, aber nun wird man noch intensiver, man drückt ihn fast auf den Stuhl zurück, schon erheben sich Stimmen nach einem gewissen Wohlleb, das ist ein Meister, der bislang in diesem Krankenhaus ungeschlagen aus jedem Match hervorging, man eilt, ihn zu suchen und nach einiger Zeit kommt er hinzu, von aufgeregten Zaungästen umringt, auch er ein Träger von Kanülen und Schläuchen, am Stativ schiebt er seine Infusionstüten herbei, ein bleicher, schwermütiger Mensch mit tiefsitzenden Augen hinter schweren Lidern, er nimmt leise ächzend Platz, wählt die Farbe; es ist Blau, Blau hat er immer, das macht ihm niemand streitig, bis auf heute, denn unser Protagonist ist auch ein Freund des Azurnen, er nimmt dem fremden Meister einfach die Steine weg und stellt sie selber auf, worauf der Andere diese wieder an sich nimmt, so geht das Minuten lang, bis der Schwerblütige aufseufzt und in einem seltsamen, gutturalen Dialekt sagt, dass der Fremde dann eben Blau haben solle. Er selber nehme dann grün, worauf unser Protagonist die blauen Steine herüberschiebt und ablehnt, nein, dann nehme er eben selber Grün, es komme für ihn doch nicht auf eine Farbe an. So hat dann jeder seine Steine, es rollt der Würfel immer wilder und in dem Moment, als Grün mit dem letzten Stein die Schwelle zum Ziel überschreiten will, dringt seine Familie ins Krankenhaus ein, hat ihn sofort entdeckt und zieht ihn unter bitteren Vorwürfen vom Tisch, dass er das Spiel der Tochter entwendet und unter dem Klappbett versteckt habe, wo es soeben gefunden worden sei, was der Tochter einen katatonischen Starrkrampf eingebracht habe, sie sei bereits auf dem Transport in die Klinik und was er sich dabei gedacht habe. Äh, nichts eigentlich, wollte er noch sagen, da unterbricht der Chefarzt die Szene, ruft alle zu sich, sie müssen alles stehen- und liegen lassen und er verkündet, dass nun Zeit für anstehende Operationen sei, wer wolle, dürfe daran teilhaben und da will natürlich keiner fehlen. Der eine hätte gerne die Mandeln raus, der andere braucht einen Stent im Herzen, jene will sich befreien von ihren Hämorrhoiden, diesen treibt seine Haglundferse unters Messer. Zurück bleibt ein verwaistes Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel, an dessen Konstellation man die Charaktere der beiden Spieler noch lange hätte erkennen können, wenn nicht die Putzfrau, und zwar die Tochter jener Putzfrau, welche damals schon die Fettecke vom Beuys…ach, was solls.