Filmbetrachtungen

„Das Schweigen der Lämmer“  (mit Hinweis auf neuzeitliche Erdoganisierung der Filmevermarktung)

gesehen am 16.3.2017 als Leihfilm bei Amazon

Soeben aus Nostalgie das Schweigen geguckt, so, wie der Film eben heutzutage bei Streamingdiensten angeboten wird und eine zensierte Stelle entdeckt: als Starling sich vom Kerker wegbewegt, eine Türe aufstößt, erinnert man sich daran, dass Starling dabei ruft: „Halt, stehenbleiben!“, das Opfer Catherine Martin kommentiert diese hilflose Vorgehensweise aus dem Verlies heraus deutlich vernehmbar mit „Oh Gott!“. So zeigt es jedenfalls das Videoband aus dem letzten Jahrhundert, sofort kontrolliert und bestätigt. Diese Stelle fehlt bei Amazons Streamingfilm (bei ca. 1:45). Warum? Hält die Lobby der Filmvermarkter den ironischen Beitrag „Oh Gott!“ in Bezug auf offenkundige Blödheit von Exekutivorganen für eine Abwertung von Heldenhaftigkeit? Dürfen Exekutivorgane nicht mehr als lächerlich hingestellt werden, selbst wenn sie absolut beknackte Risiken eingehen, wie z.B. ganz allein im fremden Keller herumzusteigen und „Halt, stehenbleiben!“ zu rufen, anstatt ganz einfach und logischerweise vor dem Haus zu sichern und Verstärkung anzufordern? Diese Bereitschaft zur Vertuschung behördlicher Mistbauerei gibt zu denken. Die Botschaft dringt durch: Das Wahlvieh soll den Schnabel halten, die Lämmer haben zu schweigen. Ist die vorliegende Zensur ein Hinweis auf vorauseilende Erdoganisierung der Filmindustrie? Oder bloß auf eine Methode amerikanischer Zensurinstanzen? Oder auf eine Gemeinsamkeit beider nach der Formel Erdogan+USA=Nazideutschland? Werden sich Trump und Erdogan annähern?

 

„Toni Erdmann“

gesehen am 21.8.16 im Gloria Heidelberg

Schon wieder ein Reinfall. Der Film ist viel zu lang und leider nicht komisch. Papa setzt sich andauernd falsche Zähne ein und eine Perücke auf den Kopf. Das war auch schon der Witz. Bei dem, was der Film als lustig vermitteln will, lachen Menschen, die im Wald Steinmännchen bauen und an Brücken Liebesschlösser festmachen. Er hat zum Glück nur zwei Ekelhaftigkeitsmomente, wo die Hauptdarstellerin eine Praline verzehrt, welche zuvor von ihrem Lover gentechnisch behandelt wurde, und am Ende, als sie sich die Zahnleiste ihres Vaters in den Mund tut. Allerdings haben auch hier manche Zuschauer gelacht. Ob Lachen heute schon als Ausdruck von Ekel gilt? Erdmann ist ein typisch deutscher Film mit Betroffenheitsquotient und grosskalibrigem Sinnanspruch. Das ist das Humormodell der Berliner Kulturszene, der Mainstreamindustrie in Sachen Humorkunst: Man lacht sozialpolitisch korrekt. Man lacht also nie jemanden aus, wenn er aus jenen mit aller Kraft zu tolerierenden Verhältnissen kommt, wie Grossfamilie, Treppenhausidylle und emotionaler Ungewöhnlichkeit. Man lacht, worüber auch das Kitateam lacht – jedenfalls im sozalromantischen Idealfall. Man lacht über und mit einem freundlichen älteren Herrn, einem Witzbold auf Furzkissenniveau, der gern und oft seine Scherzzähne einsetzt und fremde Haare anlegt. Solide Betroffenheitskultur aus der idealen WG, hier lacht man nicht einfach so, sondern weil jemand nackig ist oder zur seelischen Unterstützung Schwächerer, und offenbar auch aus Ekel. Möglicherweise tun heutzutage die Leute Dinge, vor denen sie sich im Grunde ihres Herzens ekeln, nur um dazuzugehören. Wahrscheinlich aber waren sie noch nie auf dem Grunde ihres Herzens, doch dabei hilft ihnen dieser Film auch nicht. Der kiezige Niedlichkeitsfaktor unterlegt das permanente Gemenschel, über Gut und Böse lässt der Film keinen Zweifel offen: die Grossfamilie verdeutlicht uns über demonstrative Gastfreundschaft mit geschenkten Äpfeln das Gute und Schöne, dagegen zeigt uns das Outsourcing und das Entlassen von nachlässigen Arbeitern die kalte Welt der Profitemacher. Der Gefeuerte kann sich hoffentlich in den Schoß der Großfamilie flüchten. Am Schluss probiert die Tochter die Scherzzähne ihres Vaters an. Es bleibt die bange Frage: Stellen sich die Filmemacher so den guten Vater vor? Oder Tochter?

 

„Die dunkle Seite des Mondes“

gesehen 18.1.16 in Gloria, Heidelberg

Moritz Bleibtreu: wirklich gut,  und das schon in den ersten Minuten. Man erinnert sich an Bleibtreus tollen Kurzauftritt bei „World-War-Z“ und freut sich, der Film scheint gut zu werden. Prima Suizid vom Pharmaking, mutet ähnlich an wie bei Dr. Schuler in Breaking Bad, dort mit Defi-Strom auf dem Klo / hier mit Knarre im Büro. Verziehen wird das fehlende Loch in der Glastür im Zentrum des Blut-Hirngesprühs, immerhin war wenigstens der Schussknall durch den Rachenraum so realistisch gedämpft. Erstes Misstrauen keimt allerdings, als die junge Frau, die ihn zum Psychopilzragout verhilft, so verkrampft bescheuert als hilfloses Medi dargestellt wird: wieso und warum müssen die Ärmel des Pullovers derartig ausladend sein, dass sie permanent in der Brühe hängen, wenn Medi den Topf umrührt? Warum und wieso müssen Frauen im Film in solchen „Hab-mich-ganz-fest-lieb“-Hilflosigkeitsklamotten daherkommen? Die machen das doch in der Realität nach, weil sie glauben, das sei attraktiv. Dann wischen sie mit diesen saudummen Zipfeln seitlich vorne an ihren Jacken/Umhängen/Capes die Kaffelöffel und Wassergläser zu Boden, wenn sie in der Kneipe mal um den Tisch herumgehen. Ob das eine Sollbruchstelle ist im Sozialwesen der Frauen? Wollen sie dafür in den Arm genommen werden und getröstet oder zumindest angesprochen? Leider wird dann im realen Leben wie auch im Film alles zerfahren und unlogisch. Zwar killt Bleibtreu aus nachvollziehbaren Motiven den blöden Kater vom Medi und begeht weitere Untaten, zeigt aber unglaubwürdige Anwandlungen eigener Unsterblichkeit: beim 100-Meter-Sprung von der Taunusbrücke wird er bloss nass, den Bauchschuss aus dem Jagdgewehr überlebt er nicht nur, sondern kann dem Schützen auflauern, ihn anspringen und überwältigen, vernachlässigt aber die korrekte Vollendung und erhält hinterrücks den Fangschuss aus der Kurzwaffe des Jägeropas. Daran geht er recht glaubhaft zugrunde. Doch, doch, der Bleibtreu. Ohne Bleibtreu hätte der Film bloss Tatortniveau. Hätte man die andern Schauspieler nicht einfach weglassen können?

 

Tatort vom Bodensee
gesehen und bald abgeschaltet: 10.1.2016

Er hatte so gute Zuschauer-Kritiken, dieser letzte Tatort vom Bodensee und dann das: Ein Mädchen überschüttet einen Toten mit brennbarer Flüssigkeit, sodann sich selber. Vorsicht mit dem Zündholz! Sie hockt sich unentflammt neben das hochlodernde Feuer und spätestens jetzt hätten sich die Dämpfe entzündet, aber nein, das war wohl doch bloss Wasser. Sehr vernünftig, die brauchen ja die Schauspielerin noch. Soll keiner sagen, die Drehbuchschreiber vom Tatort können bloss Ideen klauen. Schon da hätte man also abschalten können, der Rest lebt vom Schauspieltalent der jungen Frau, die hie und da einen glaubwürdig großen Mund aufreißt und bitter klagt. Die Betroffenheitspflicht macht dem Krimi den Garaus und eröffnet das Genre eines Schulungsfilms für Psychotanten und -onkel mit Helfersyndrom, vulgo „Gutmenschen“, wobei sich das Helfersyndrom auf die Helfer selber bezieht, weil sie vor allem ihrem Helfersyndrom helfen wollen. Politisch korrekte Betroffenheit spielt – nicht nur – beim Tatort immer dann eine Rolle, wenn der Krimi nichts hergibt – also meistens: die Bodensee-Kommissarin hat eh schon immer Betroffenheit ausgelöst. Nicht nur wegen andauernder bedeutungsheischender InsGesichtStarrerei, sondern wegen Talent zur Darstellung weiblicher Obdachlosigkeit bzw. Messie-Gefährdung allein schon durch Frisur und Gestalt. Hoffentlich gerät die Rolle in ihrer nun tatortfernen Zukunft nicht zu lebensnah, wir wünschen ihr unbekannterweise alles Gute. Wer allerdings einen richtigen Krimitatort sehen will ohne Betroffenheitspflicht, kann sich ja die guten 70-er Tatorte angucken, mit Zollfahnder Kressin. Oder mit Schwarzkopf.

Wir sehen: Kritiken aus dem Volk taugen einen Dreck, immer gibt es Deppen, die den Schrott gut finden – und sei es aus Trotz. Das bedeutet, dass der Erziehungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gescheitert ist. Die Menschen sind nicht mehr meinungsfähig. Leider dürfen sie am Wahltag weiterhin ihr Kreuzchen machen und das hat uns jene Politikerlandschaft beschert, die wir eben haben. Oder waren die guten Zuschauerkritiken erstunken und erlogen? Hoffentlich sind wenigstens die Wahlergebnisse echt.

 

TV-Programm an Weihnachten 2015

gesehen 24.12.2015

Quer durch Island oder Historienfilm über irgendwen – man zappt sich durch das Weihnachtsprogramm und es ist wie jeden Tag, immer dudelts gefühlig oder dramatisch im Hintergrund. Dass die Macher von Berichten oder wissenschaftlichen Filmen heute nicht mehr ohne Musik auskommen, zeigt nur eines: sie trauen ihrer eigenen Story nicht und wollen ihr Produkt mit Musik aufpeppen, damit für jeden was dabei ist. So ist aber für niemanden was dabei, denn wen die Geschichte interessiert, den nervt die Musik und wer Musik hören will, kann seine Ohrstöpsel einlegen. Die Macher von Dokumentarfilmen packen in eine schnell erzählte Geschichte zusätzlich Menschengesichter, die mir das alles nocheinmal sagen, was der Sprecher bereits vorweggenommen hat. Soll so etwas Authentizität produzieren? Für Deppen vielleicht. Man bemüht Historienschauspieler hinzu, in Kostümen, die eine damalige Landestracht imitieren sollen, aber so frischgewaschen und ungeflickt daherkommen, dass der Historische Anspruch sofort ad absurdum geführt wird. Vollgefressene Wohlstandsmimen zappeln da in poliertem Blech und nicht einmal angeschwitzem Sacklinnen über Schlachtfelder – die muss man sich erstmal wegdenken, damit man sich die Geschichte vorstellen kann. Stimmungsmusik, Personendarsteller, Kostümfirlefanz, das sind die Waffen einer Generation von Medienmachern, deren Kunst sich im Zusammenmixen erschöpft. Werden die Leute von selber immer blöder? Ich glaube nicht. Also nicht die Zuschauer, aber diejenigen in den Redaktionen auf jeden Fall. Und damit irgendwann auch die da draussen.

 

„The Homesman“

Gesehen: 12.10.15

13.10.15 Warum erinnert dieser Film an eine Geschichte von Ambrose Bierce?
Ambrose Bierce’s „Zwischenfall am Eulenfluss“ handelt von einem zu exekutierenden Soldaten, der, die Schlinge um den Hals, auf der Gleisstrecke einer Brücke steht und zwischen den Bahnschwellen hindurch ins Seil fallen soll. Das Seil reisst, er taucht unter, plattgedrückte Bleiplättchen sinken daraufhin um ihn herum durch das Wasser, von unangenehmer Wärme bei Berührung, die Kugeln aus den Musketen der Henkersknechte auf der Brücke. Auftauchen, mühsames Luftholen, der Donner der Kanone, das Entkommen um die Flussbiegung, der lange Fußmarsch nach Hause, der Wald, der ihm so fremd vorkommt, der Sternenhimmel, der ganz anders aussieht, dann seine Farm, seine Frau, die auf ihn zuläuft und kurz vor der Umarmung der krachende Schlag im Nacken, die Schlinge bricht den Wirbel und der Soldat baumelt tot über dem Fluss. Die Flucht war ein Sekundentraum.
Und nun The Homesman. Tommy Lee Jones hockt mit der Schlinge um den Hals auf dem Gaul unter dem Galgenbaum. Die Hauptdarstellerin schneidet ihn frei, unter der Bedingung, ihr beim Transport dreier verrückter Frauen zu helfen. Alles sehr bizarr, schon das Wohnmobil, die Fahrt durch die düstere Traumlandschaft, erst recht die Menschen und die bedrückend realistische Groteske der Liebesakte, die Hauptdarstellerin, die sich nach einem solchen Akt mit T.L.Jones aufhängt, scheinbar grundlos, das strahlend blaue Hotel in der leeren Prärie, das T.L. Jones nachts niederbrennt samt seiner Insassen, weil die ihm nichts zu Essen geben wollten: ein gebratenes Ferkel mit Apfel im Maul nimmt er mit und der Rest vom Catering liegt immer noch da, obwohl doch eine Investorengruppe erwartet war, worin auch die Begründung für die Ablehnung seines Ersuchens um Nahrung lag, da darf das Essen also gern mal kalt werden im Wilden Westen. Obwohl, T.L.Jones macht es ja wieder heiss… Dann die Ablieferung der irren Ladies bei der Methodistengattin und die nächtliche Abreise auf der Fähre – über den Missouri? Den Styx? – wo T.L.Jones zu einfacher Banjobegleitung seinen Tanz hinlegt, Pantomime eines skurrilen Lebens, nicht ohne zwischendurch seinen Armeerevolver auf die Personen am zurückbleibenden Festland leerzuschiessen.
Der Roman von Glendon Swarthout ist sicher seine Eigenleistung, aber wenn diesen Alptraum nicht eine hommage an Ambrose Bierce durchwabert, dann – ja was war das dann? Vielleicht ein Eulenfluss-Echo aus dem kollektiven Unbewussten.